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28.05.2019, Bad Wildbad

Interview mit Dr. med. Edgar Bauderer, Chefarzt der Anästhesiologie und Schmerztherapie

Welche Therapien bei chronischen Schmerzen helfen

Chefarzt Dr. med. Edgar Bauderer

Etwa zehn bis zwölf Millionen Deutsche leiden an chronischen Schmerzen. Bei ungefähr zwei bis vier Millionen sind die Schmerzen so ausgeprägt, dass sie zu deutlichen Beeinträchtigungen im Alltag und im Berufsleben führen. Folgen sind unter anderem sozialer Rückzug, Niedergeschlagenheit, Depressionen oder auch Medikamentenfehlgebrauch. Anlässlich des Aktionstags gegen den Schmerz zeigt Dr. med. Edgar Bauderer, Chefarzt der Klinik für Anästhesiologie und Schmerztherapie der Sana Kliniken Bad Wildbad, auf, welche Auswege aus dieser Schmerzspirale existieren.

Mit welchen Wünschen kommen die Patienten zu Ihnen und wie realistisch sind diese?

 Bauderer: Sätze wie „ich bilde mir die Schmerzen doch nicht ein“ oder „ich möchte einfach mal wieder schmerzfrei sein, wenigstens für einen Tag“ fallen immer wieder. Wenn die Schmerzen, trotz Einnahme von Medikamenten, weiter anhalten, oder die Schmerzmittel nicht gut vertragen werden, und auch andere Strategien nicht ausreichend wirksam sind, kann dies ein Gefühl von Hilflosigkeit und Ohnmacht im Umgang mit den Schmerzen hervorrufen, das seinerseits schmerzverstärkend wirkt. In der Schmerzambulanz versuchen wir, durch die Umsetzung eines auf das jeweilige Schmerzbild individuell angepassten Therapieplans, diesen Schmerzkreislauf zu durchbrechen.

 

Sind Schmerzmittel das Allheilmittel?

Bauderer: Die meisten Patienten mit chronischen Schmerzen nehmen bereits über einen längeren Zeitraum Schmerzmittel ein. Es gibt chronische Schmerzpatienten, die medikamentös stabil eingestellt werden können. Häufig ist es aber so, dass je länger die Schmerzen andauern, der Effekt umso geringer  ist, und darüber hinaus steigt das Risiko von unerwünschten Nebenwirkungen. Bei längerfristiger Schmerzmitteleinnahme können die Medikamente sogar zu einer Schmerzverstärkung führen.

 

Was hilft denn dann?

Bauderer: Zunächst ist immer eine umfassende Diagnostik erforderlich, mit ausführlicher Anamnese, einem körperlichen Befund unter Berücksichtigung der bislang erfolgten Untersuchungen. Es ist wichtig zu erkennen, welche Faktoren zu einer Chronifizierung beitragen. Die Therapie bei chronischen Schmerzen basiert auf einem bio-psycho-sozialen Schmerzverständnis, so dass häufig ein interdisziplinärer Therapieansatz die besten Ergebnisse für den Patienten ermöglicht. Die Einbindung und Information des Patienten über das Therapiekonzept halte ich für sehr wichtig. Bei chronischen Schmerzpatienten ist dann häufig auch die Reduktion der Medikamenteneinnahme möglich.

  

Gibt es ein Recht auf Schmerztherapie?

Bauderer: Ja, das gibt es. Die ärztliche Berufsordnung verpflichtet den Arzt dazu, Leiden zu lindern, eine kompetente Schmerztherapie gehört dazu. Eine unzureichende Schmerztherapie trägt zur Chronifizierung bei und damit zu lange andauernden Schmerzen.

 

Wie setzte ich mein Recht auf Schmerztherapie durch?

Bauderer: Sprechen Sie mit Ihrem behandelnden Arzt. Durchschnittlich dauert es vier Jahre, bis ein Patient mit chronischen Schmerzen einen Schmerzspezialisten aufsucht. Leitlinien, beispielsweise bei anhaltenden Rückenschmerzen, empfehlen hingegen, bereits nach drei bis sechs Monaten eine spezielle Schmerzdiagnostik durchzuführen und entsprechend das weitere Vorgehen festzulegen.

 

Wie erkennt man, ob Patienten eine stationäre oder ambulante Schmerztherapie benötigen?

Bauderer: Bei chronischen Schmerzen zeigen multimodale Therapieformen die besten Behandlungsergebnisse, diese sind prinzipiell ambulant, teilstationär oder stationär möglich.

 

Welche Voraussetzungen müssen bei einer multimodalen Schmerztherapie, also einer kombinierten Behandlung, gegeben sein?

Bauderer: Als Voraussetzungen zur stationären multimodalen Schmerztherapie müssen mindestens drei der folgenden Kriterien zutreffen:

  • Manifeste oder drohende Beeinträchtigung der Lebensqualität und/oder der Arbeitsfähigkeit des Patienten,
  • Fehlschlag einer vorherigen unimodalen Schmerztherapie, eines schmerzbedingten operativen Eingriffs oder einer Entzugsbehandlung,
  • Medikamentenabhängigkeit oder –fehlgebrauch,
  • Schmerzunterhaltende psychische Begleiterkrankung,
  • gravierende körperliche Begleiterkrankung.
     

Wie lange ist die durchschnittliche Dauer der stationären Behandlung?

Bauderer: Die Dauer der stationären Behandlung beträgt bei uns in der Klinik durchschnittlich zwei bis drei Wochen.
 
Wo kann ich mich über Schmerztherapie informieren?

Bauderer: Es gibt mittlerweile zahlreiche Webseiten und Apps zu häufigen chronischen Schmerzerkrankungen, beispielsweise zu Kopfschmerzen und Rückenschmerzen, mit erheblichen qualitativen Unterschieden. Die Kontaktaufnahme zu einer Selbsthilfegruppe kann ein Weg sein, um sich zu informieren und sich mit Betroffenen auszutauschen. Hier können häufig auch die Krankenkassen mit Adressen weiterhelfen. Generell halte ich das Gespräch mit dem behandelnden Arzt für entscheidend.
 
Welche Schmerzformen werden in Ihrer Klinik bzw. Ambulanz behandelt?

Bauderer: Alle chronischen Schmerzzustände, am häufigsten sind:

  • Schmerzen im Bewegungsapparat,
  • Rückenschmerzen,
  • Extremitätenschmerzen,
  • Fibromyalgie,
  • Nervenschmerzen: Neuropathien, Neuralgien,
  • Kopfschmerzen,
  • Phantomschmerzen,
  • Tumorschmerzen,
  • Schmerzen bei sympathischer Reflexdystrophie (Morbus Sudeck).

 
Welche Therapieformen werden in Ihrer Klinik bzw. Ambulanz angeboten?

Bauderer:

  • Medikamentöse Schmerztherapie,
  • Therapeutische Lokal- und Leitungsanästhesie,
  • Infiltrationen, Triggerpunktbehandlung,
  • Sympathikusblockaden,
  • Nervenblockaden rückenmarksnah und peripher,
  • Transkutane elektrische Nervenstimulation (TENS),
  • Betreuung implantierter Medikamentenpumpen und Portkatheter,
  • Medikamentöse Entzugsbehandlung,
  • Indikationsprüfung Neuromodulation,
  • Indikationsprüfung für medizinisches Cannabis,
  • Botulinumtoxin, beispielsweise bei Migräne,
  • Lokale Capsaicinanwendung,
  • Entspannungsverfahren,
  • Biofeedback,
  • Stationäre interdisziplinäre multimodale Schmerztherapie.

  
Wie bekommt man einen Termin in der Schmerzambulanz und wie lange muss man für gewöhnlich warten?

Bauderer: Patienten, die sich für einen Termin in der Schmerzambulanz interessieren, sollten telefonisch Kontakt mit dem Sekretariat der Schmerzambulanz aufnehmen. Wir senden Ihnen dann umgehend einen persönlichen Fragebogen zu und vereinbaren zeitnah einen Termin, wenn der Fragebogen ausgefüllt zu uns zurückgeschickt wurde. Wir versuchen in unserer Schmerzambulanz einen Ersttermin in der Regel innerhalb von zwei bis vier Wochen anzubieten. Wir benötigen dazu eine Überweisung des Haus- oder behandelnden Facharztes (beispielsweise Orthopäde, Neurologe oder Rheumatologe).
In dringlichen Fällen, wie beispielsweise bei der sympathischen Reflexdystrophie, bzw. Morbus Sudeck oder auch bei Tumorschmerzen, empfehlen wir die direkte Kontaktaufnahme durch den behandelnden Arzt.
 
Dr. Bauderer steht am 4. Juni 2019, unter der Telefon-Hotline 0800 1818-120 von 9.00-17.00 Uhr für Fragen bereit. Um 17 Uhr hält der Schmerzspezialist einen Vortrag über „chronische Schmerzen – welche Therapiemöglichkeiten gibt es?“ Der Vortrag findet in der Großen Halle (Ebene 3) der Sana Kliniken Bad Wildbad, König-Karl-Str. 5, 75323 Bad Wildbad, statt.

Kontakt

Moritz Tzschenscher, MSc.
Referent der Unternehmenskommunikation, Pressesprecher

Sana-Kliniken Bad Wildbad
König-Karl-Straße 5
75323 Bad Wildbad
Telefon            07081/ 173 263
Fax                  07081/ 173 230
E-Mail              moritz.tzschenscher@sana.de